Warum ein Relaunch manchmal zehn Jahre dauert

Es ist vollbracht. Nach nur zehn Jahren, drei Anläufen, fünf verworfenen Designs und unzähligen „Ich fang morgen an“ - Jetzt ist meine Webseite endlich online. Naja, fast. Ein paar Seiten fehlen noch, zum Beispiel die Projektbeschreibungen. Aber wer mich kennt, weiß: Perfektion braucht Zeit. Und manchmal auch ein bisschen Mut, Dinge einfach wegzulassen.
Zum Beispiel diese ganzen Fachbegriffe, die in meiner Branche so gerne herumgeworfen werden. UI, UX, Responsive, Accessibility, Atomic Design – klingt alles beeindruckend, aber für meine Kundinnen und Kunden ist das ungefähr so spannend wie die Inhaltsstoffe auf einer Shampooflasche. Am Ende zählt das Ergebnis: Funktioniert die Seite? Sieht sie gut aus? Kann man sie bedienen, ohne vorher ein Handbuch zu lesen? Genau deshalb habe ich mich beim Relaunch bewusst für Klartext entschieden. Und für Storytelling. Denn wenn man Dinge erklärt, statt sie zu benennen, versteht sie jeder.

Eigentlich wollte ich mich schon im letzten Winter an die neue Seite setzen. Aber dann passierte etwas, das jeder kennt, der schon einmal „nur kurz“ aufräumen wollte: Ich öffnete meine Festplatten. Und plötzlich war ich nicht mehr im Jahr 2024, sondern irgendwo zwischen 2007 und 2010, umgeben von alten Projekten, halbfertigen Ideen und digitalen Fossilien. Und eines dieser Fossilien wollte unbedingt wieder ans Licht. Ein Projekt, das seiner Zeit voraus war. Oder anders gesagt: Wir waren damals einfach 15 Jahre zu früh dran.

Screenshot Kreuzbergradio

Kreuzbergradio – ein Podcast, bevor Podcasts cool waren

Was war Kreuzbergradio? Eine Gemeinschaftsproduktion von dasFachblatt.de und Kiez und Kneipe. dasFachblatt.de war mein eigenes Projekt – ein Musikbranchenbuch, das heute vermutlich als „Startup“ durchgehen würde, damals aber einfach nur „eine gute Idee ohne Zeit“ war.
Kiez und Kneipe lieferte die redaktionellen Inhalte, dasFachblatt die Musik. Und wir waren ein richtiges Team: einmal pro Woche eine neue Sendung, im Stil einer spritzigen Radioshow. Wir berichteten über die Musikszene in Berlin und Kreuzberg, führten Interviews, gaben Ausgehtipps, hatten sogar einen Fortsetzungsroman für die etwas ungewöhnlichere Unterhaltung. Und natürlich den „Wirtschaftsprüfer“ – eine Art Kneipencheck, der vermutlich heute als investigativer Lokaljournalismus durchgehen würde.

Verdient haben wir damit nichts. Aber wir hatten Spaß. Viel Spaß. 57 Sendungen sind entstanden, und sogar eine CD: Sounds of Kreuzberg Vol. 1. Gemafreie Musik für Gewerbetreibende, kostenlos erhältlich beim Kreuzbergradio. Heute würde man das „Content Marketing“ nennen. Damals war es einfach nur Leidenschaft.

Ein paar der alten Sendungen habe ich wieder ausgegraben. Man kann sie sich noch anhören – aber bitte mit dem Wissen, dass sie aus den Jahren 2007 und 2008 stammen. Die Kneipen aus dem Wirtschaftsprüfer gibt es wahrscheinlich nicht mehr, und „Neues im Kiez“ ist inzwischen eher „Historisches aus einer längst vergangenen Zeit“.

Warum erzähle ich das alles? Weil eine Website nicht nur eine Visitenkarte ist, sondern auch ein Archiv. Ein Ort, an dem Geschichten weiterleben dürfen. Und Kreuzbergradio ist eine dieser Geschichten, die mir zu schade waren, um auf einer alten Festplatte zu verstauben.

Sendung vom 7.9.2007
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